Ganz Weit Vorne!

Wir haben es an uns selbst nun wirklich schon oft genug erlebt, dieses Demenz-Phänomen, das allmähliche Erreichen eines Zustands intellektueller Untertourigkeit im Einklang mit dem Verlust jeglicher kommunikativer In- oder Outputfähigkeit. Vor allem im Studio bei CD-Aufnahmen, immer wieder aber auch bei langen Touren. Es hat uns anfangs ein wenig verängstigt, wenn wir plötzlich undefinierbare Geräusche absonderten, einen einzelnen Satz in Sekundenbruchteilen zehnmal wiederholten oder bar jeder Ursache in hysterisches Gelächter verfielen. Beruhigend war jedoch, dass wir diese unheimlichen Vorgänge zufriedenstellend erklären zu können glaubten: Im Studio lag's an der schlechten Luft, bei Touren am Umstand, über einen zu langen Zeitraum zu eng mit verhaltensauffälligen (Fast-)Gleichaltrigen konfrontiert gewesen zu sein.
Jetzt, nach unserer "Nordost-Mini-Tour", fallen diese Erklärungsmuster ersatzlos weg. Es gibt genügend alarmierende Anzeichen dafür, dass die Demenz zu einem grundsätzlichen, festen Bestandteil unserer kleinen Combo geworden ist! Hier die Beweisführung:
Die folgende Situation ergibt sich nur knapp eine Stunde nach der Abfahrt aus Köln. Der Wageninnenraum ist durchaus hinreichend mit Sauerstoff versorgt, und wir hängen uns noch nicht mal komplett auf der Pelle, weil Clemens und Sari in einem anderen Auto fahren. Trotzdem bietet sich mir das folgende Bild des Grauens, wenn ich in den Rückspiegel blicke:


Nachdem Eddi und Ferenc diese Haltung zwanzig Minuten lang nicht verändern, entschließe ich mich, wieder nach vorne zu schauen:


Der Anblick ist wie eine Erlösung für mich - verglichen mit dem Rückspiegel einfach nur ästhetisch, schön und aufregend. Trotzdem entschließen wir uns zu einer vorgezogenen Pause.


Obwohl es, wie auf dem Bild deutlich zu erkennen, -1°C ist, setzt Eddi sich an sein neues "i-Book". Das ist quasi, soweit ich das verstanden habe, ein Mac als Notebook. Das Design erinnert an "Mein erster Sony", das Kassettenabspielgerät für Kinder von drei bis fünf. Eddis Gesichtsausdruck erinnert ebenfalls an ein Kind von drei bis fünf.


Wir beteiligen uns während der Pause spontan an der Aktion "Tempo und Softie: Nette Menschen fahren schneller!" Die einleuchtende Idee dieser guten Sache: Wenn sowieso jeder über die Autobahn heizt wie ein Vollidiot, dann soll man dabei wenigstens ein angenehm-höfliches Benehmen an den Tag legen. Einen wirklich überzeugenden Slogan für diese Aktion haben die Macher selbstverständlich auch entwickelt:


Grinsend wie die Honigkuchenpferde springen wir wieder in den Van und rasen von weiter Richtung Braunschweig.


In Braunschweig treffen wir auch die beiden anderen wieder. Obwohl die Verpflegung in der Stadthalle wirklich reichhaltig ist, versucht Sari, Eddis Ohr auszuschlecken. Die Kamera weigert sich, diesen Vorgang scharfzustellen.


Ferenc (er trägt übrigens ein Tour-T-Shirt von 1996) und Jürgen Opper, der die Technik zur Verfügung gestellt und aufgebaut hat, tun so, als ginge sie das alles nichts an. Es gibt Nudeln mit Filetstreifen. Ob es sich dabei um Rinderfilet handelt, ist mittlerweile eigentlich auch egal. Sari hat inzwischen von Eddi abgelassen und präsentiert einen "konstruktiven Vorschlag" für ein mögliches neues Bühnenoutfit der WISE GUYS:


"Die Idee ist nicht schlecht" - wir versichern Sari, darüber "intensiv nachzudenken".


Mit eisernem Willen gelingt es mir, meinen persönlichen Rekord im Spiel "Snake" auf Saris Handy einzustellen. Plötzlich kommen die Jungs in die Umkleide. Sie haben die erste Konzerthälfte ohne mich gemacht und kündigen an, meine Gage um 50% zu kürzen. Ich bin leicht verstimmt, lasse mir aber nichts anmerken. Stattdessen nehme ich die Kamera und fordere Clemens dazu auf, mal eine "total verrückte Pose" einzunehmen, weil er bisher noch auf keinem einzigen Bild zu sehen war:


Clemens hat keine Ahnung, wovon ich spreche....


....ist aber durchaus lern- und anpassungsfähig. Tina von der Konzertagentur Miro, die uns in Braunschweig betreut, versetzt uns mit heimischem Bier und dem Pfeil aus Kinderriegeln in helle Begeisterung, auch wenn man das nicht allen direkt ansieht.


Um uns kulturell und intellektuell wieder ein bisschen Leben einzuhauchen, laufen wir am nächsten Vormittag durch Braunschweig und fotografieren ein paar alt aussehende Gebäude. Das hier ist vielleicht das Rathaus. Soll niemand sagen, wir versuchten nicht aufrichtig, unseren Horizont zu erweitern!


Reinhard Klose, unser Tontechniker, erklärt Eddi auf italienisch, wie wenig Gepäck er bei einer solchen Tour nur benötige: Ein paar Tischtennisbälle, fünf Walkmen, Batterien sowie eine Liste mit seiner Adresse und Telefonnummer, die er an den Kofferdeckel geklebt hat, falls er mal zu Hause anrufen will. Eddi ist begeistert! Wenn wir alle so wenig Zeug mitnähmen, hätten wir noch mehr Platz im Auto! Er versucht, die anderen zu überzeugen:


Sofort kommt es zu einem heftigen Streit. Clemens sagt, er könne das alles nicht mehr hören, und außerdem: Wo solle er denn auf die Schnelle die Tischtennisbälle herbekommen...


...und überhaupt: Seine eigene Reisetasche sei nur sooo klein! Der Streit hinterlässt nur Verlierer: Sari hat diese Auseinandersetzung intellektuell ausgelaugt. Er überlegt, sich während der ersten Konzerthälfte in Büren aufs Ohr zu legen...


...Clemens klagt über erste Anzeichen einer ernsthaften Persönlichkeitsspaltung, denn er hat plötzlich Migräne...


...und Eddi wendet sich frustriert einer Zeitschrift zu, deren Inhalt er nicht begreifen will.
In dieser Krisensituation ist es ganz wichtig, dass wenigstens einer einen kühlen Kopf bewahrt:


Ich versuche, Sari aufzuwecken, indem ich ihm erkläre, wie man den idealen Abstand vom Mund zum Headset, unserem Kopfbügelmikrofon, professionell messen kann: Man muss einfach nur die Unterlippe so weit strecken, das man den Mikrofonkopf leicht touchiert:


Eine gleichermaßen wirkungsvolle wie ästhetische Übung.


Mein Plan geht auf: Sari ist ebenso begeistert wie beschäftigt, und seine Müdigkeit ist wie weggeblasen. Er entwickelt sogar wieder Kreativität und hat einen neuen Vorschlag für unser Bühnenoutfit:


"Die Idee ist nicht schlecht" - wir versichern Sari, darüber "intensiv nachzudenken".
Am Abend fahren wir von Büren wieder nach Braunschweig, übernachten und ziehen am nächsten Tag weiter nach Berlin.


Die Fahrt verläuft ruhig und höhepunktslos. Hinter dem Fahrersitz klemmt griffbereit der Stadtplan von Düsseldorf. Wenn wir uns über andere Autofahrer aufregen, ziehen wir ihn blitzschnell hervor und halten die Titelseite gegen die Scheibe. Das ist viel effektiver (und billiger) als die alte Variante mit Stinkefinger oder blankem Hintern.
In Berlin haben wir einen Auftritt im Rahmen der Auftaktveranstaltung zum "Jahr der Lebenswissenschaften" (thematischer Schwerpunkt: Chancen und Gefahren der Gentechnologie) und sollen unter anderem unsere Auftragskomposition "Höher, schneller, weiter" singen.
Berlin ist natürlich eine geile Stadt. Schön: Das Stadtbild hat sich im Laufe der letzten fünf Jahre, in denen wir immer wieder dort waren, überhaupt nicht verändert...


...immer noch überall diese stolzen Kräne, die über dem Stadtpanorama thronen und sich nie bewegen! Eine Überraschung erwartet uns aber am Wahrzeichen Berlins:


Die deutsche Telekom hat sich offenbar an die tolle PR-Aktion mit dem Reichstag erinnert und nun kurzerhand das Brandenburger Tor verhüllt (wenn sich die Dauer der Renovierungsarbeiten proportional zu der Zeit verhält, die die Telekom braucht, um einen neuen Telefonanschluss freizuschalten, dann werden die nachfolgenden Generationen sich an diesen Anblick gewöhnen müssen).

Am späten Nachmittag treffen wir im Martin-Gropius-Bau ein. Eigentlich sollen wir einen Soundcheck machen, werden aber durch die faszinierende Fernsehkulisse abgelenkt.


Ferenc versucht, am ehrenwerten Podium der TV-Diskussion wieder geistige Frische gegen die sich rapide ausbreitende Demenz zu erlangen (Teilnehmer der abendlichen Gesprächsrunde sind unter anderem Bundesforschungsministerin Bulmahn und Philosoph Sloterdijk, Gesprächsleitung: Ranga Yogeshwar)...


...während ich verzweifelt die Fernsehkameras suche, denn: Ins Fernsehn kommen is' immer gut. Ich sehe aber in der gesamten linken Hälfte des Saales nur Haare.


Zum Glück werden wir endlich fündig: Wir sind live im Bild! Das bringt uns zwar nicht ins Fernsehen, aber im Saal erreichen wir die traumhafte Einschaltquote von 100%.


Ansonsten haben wir jede Menge Spaß im interessanten Ambiente des Martin-Gropius-Baus. Ferenc folgt hier dem wichtigsten Lehrsatz des Showbusiness: "Wenn du unterhaltsam wirken willst, dann umgebe dich mit Leuten, die weniger unterhaltsam sind als du!".


Wieder mal haben wir jede Menge Wartezeit bis zum Auftritt. Irgendjemand hat gesagt, dass Selbstportraits immer blöd aussehen. Ich probiere es aus. Irgendjemand hatte Recht.


Das Catering in Berlin ist bemerkenswert und muss im Bild festgehalten werden: Neben den alkoholfreien Getränken finden wir zehn säuberlich positionierte Kaffeetassen, Milch, Zucker und Süßstoff. Fehlt eigentlich nur noch der Kaffee.


Ferenc trinkt kurz entschlossen Kondensmilch mit Süßstoff. Die WISE GUYS können eben auch ohne Kaffee fröhlich sein.

Unser Auftritt später ist nicht gerade der Hammer. Die ganze Veranstaltung leidet unter der "Kathedralen-Akustik", und die Aufmerksamkeit wird immer wieder durch Gentechnik-Gegner gestört, die Sirenen und Trillerpfeifen betätigen. Dass unser Text durchaus kritisch ist, nehmen sie dabei leider nicht zur Kenntnis. Was soll's. Immerhin prägt Reinhard ein neues Tour-Motto, indem er trocken feststellt, unser Auftritt sei "ganz weit vorne" gewesen. Trotzdem sind die Veranstalter zufrieden. Alle Beteiligten werden noch zu dem, was wir "Afterglow" nennen, in ein ziemlich nobles Berliner Lokal geladen (ääh...wir hoffen zumindest, dass die Rechnung hinterher von irgendwem bezahlt worden ist...). Frau Ministerin, Herr Philosoph, Ranga Yogeshwar, Jean Pütz und zahlreiche andere hochintelligente Menschen sind mit dabei - und außerdem noch vier von uns.


Ich werde sentimental. Wenn mir jemand vor fünfzehn Jahren gesagt hätte, ich würde im Januar 2001 im wiedervereinigten Deutschland in einem Berliner Edellokal sitzen, Seite an Seite mit einer Nobelpreisträgerin und anderen klugen und prominenten Menschen, hätte mich das nicht im Geringsten irritiert...


...aber dass ich Feldsalat mit Schafskäse und Pinienkernen essen und sogar mögen würde, hätte ich nie im Leben für möglich gehalten.


Sari hat eine weitere glanzvolle Idee, wie man das Rauchen zumindest reduzieren kann: Man muss die Zigarette so hoch halten, dass man mit dem Feuer nicht drankommt. Dadurch bleibt die Fluppe aus - eine prima Sache!
Ein schöner Abend geht zu Ende. Eddi wird sich am nächsten Tag noch ärgern...


...dass er nichts von dem legendären Feldsalat mitbekommen hat.


Dann die Reise nach Dresden: Sari wird nach drei Stunden Fahrt unruhig. Er fragt, wann wir denn endlich ankämen und seit wann der Reichstag in Dresden stehe. Wir beschließen, das Navigationssystem einzuschalten.

Der Alte Schlachthof in Dresden ist ein schöner Konzertraum (mit ungefähr -2°C an diesem Abend aber leider ein bisschen "frisch"), und wir werden vom Team sehr freundlich empfangen. Nach dem Soundcheck hat Ferenc einen neue Idee für unser Bühnenoutfit:


"Die Idee ist nicht schlecht" - wir versichern Ferenc, darüber "intensiv nachzudenken".


Nach dem Konzert reden wir mit Bernd Aust vom "Alten Schlachthof", der für die Organisation und die Werbung mit zuständig war. Wir sind sehr froh, dass über 400 Zuschauer im Saal waren, obwohl wir in Dresden noch nie ein Konzert gemacht hatten - die meisten Leute kannten uns vorher überhaupt nicht.


Im Afterglow in Dresden lassen wir uns sogar dazu überreden, den "Tekkno" noch mal zu singen. Reinhard beweist mit diesem Bild, dass er besser mischen als fotografieren kann.

Auf dem Weg zum Hotel stellen wir fest, dass Dresden total zugeschneit ist. Sari lässt dieser Umstand kalt. Er hat einen neue Idee für unsere Bühnenmimik zu Beginn unserer Konzerte:


"Die Idee ist nicht schlecht" - wir versichern Sari, darüber "intensiv nachzudenken".


Eddi wagt den Erstschlag und eröffnet eine kurze, aber heftige nächtliche Schneeballschlacht...


...deren einziges Opfer er selbst wird.


Nach dem Erhalt widersprüchlicher Informationen über das Nachtleben in Dresden entscheiden wir uns einstimmig für einen gemeinsamen Tour-After-Afterglow an der Hotelbar. Mit dabei sind natürlich Reinhard Klose unser Konzertagent Michael Schweiger - allerdings erst, nachdem wir ihnen schriftlich zugesichert haben, den Deckel zu zahlen und keine Fotos mehr zu machen.


Die Rückfahrt von Dresden nach Köln: Ganz Deutschland liegt unter einer wundervollen weißen Schneedecke. Erst 30 Kilometer vor Köln bietet sich uns endlich wieder das vertraute Bild - Regen und Schneematsch. Jetzt, da die Tour fast vorbei ist, aktivieren wir wieder unsere Gehirnzellen. Das beweist ein erneuter Blick in den Rückspiegel:


Es wird wieder gelesen! - Fragt sich nur, was...


 
 
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