Osnabrücker Zeitung 14.11.2009:
Mundgemachte Perfektion
Von Ralf Döring
Osnabrück.
Die Osnabrücker sind irgendwie anders – das merken die Wise Guys spätestens beim Lied „Jetzt und hier“. Das reißt andern orts die Leute von den Stühlen – das Publikum in der Osnabrückhalle bleibt brav sitzen. Vorerst.
Die Wise Guys erfinden sich neu. Die schwarzen Anzüge, das Bühnen-Outfit für die zweite Hälfte ihrer Konzerte, wandert in den Schrank, die Lightshow wird anders und das Programm sowieso. Dazu gibt’s eine neue CD und mit Nils aus Kiel bereits seit geraumer Zeit einen neuen Sänger. Viel neues Getriebe also, mit vielen Stellen, wo’s knirschen und knacken könnte. Die Kölner Schlaumeier aber tragen ja die Weisheit im Namen. Deswegen schnurrt ihre Bühnenshow auch in Zeiten der Restrukturierung wie geölt.
Nils zum Beispiel wird, gleich zu Beginn, mit einem Lied integriert: „Moin, ich bin der neue Mann“ singt er, und die anderen bestätigen das im vollen Popchor-Drive, unterlegt vom wuchtigen Bass und Drums – natürlich alles mundgemacht, ohne Instrumente, Zuspielungen vom Band oder sonstigem technischen Firlefanz. Umso beeindruckender hören sich die Bässe an, die Ferenc Husta singt, und das Beatboxing von Daniel „Dän“ Dickopf, das locker ein ganzes Drumset überflüssig macht.
Feste Rollenzuschreibungen gibt’s bei den Wise Guys nicht, sondern Funktionen: Jeder, ob Bass oder Tenor, darf mal in die Mitte als Leadsänger, jeder ist Teil des Chorgesangs, jeder ist Teil der Choreografien. Stillstand ist Rückschritt: Dieses Managerprinzip übertragen die Wise Guys auf die Bühne. Und so bewegt sich immer irgendwer auf der Bühne, und dabei sitzt jeder Schritt, jede Geste. Die Arrangements der zumeist eigenen Songs spiegeln das musikalisch wider, dicht, präzise und pointiert gesetzt, wie sie sind. In Kombination mit wirklich witzigen Texten formt sich so eine perfekte Show.
Dabei dreht das Quintett die kleinen Alltäglichkeiten durch die humorvolle Mangel: Das neue Handy, und das Ego, Flugangst, die neue Freundin und die Ex, und da steht dann das Publikum zum ersten Mal geschlossen auf. Es sind Dinge, die jeder kennt; das schafft heimelnde Nähe, und ohne abzuheben, stehen die Wise Guys über den Dingen, die sie mit Humor betrachten („Osnabrückhalle, ein pfiffiger Name“). Und wer hört nicht gern die Botschaft, dass das Leben gar nicht so ernst ist, wie es auf den ersten Blick scheint.
Damit bekennen sich die Wise Guys zu ihrem ureigenen Metier, dem Pop. Der ist auch in dieser vokalen Variante nicht dazu da, die großen Probleme der Welt zu wälzen und zu lösen, sondern er will unterhalten. Deshalb gibt es eine Referenz für Robbie Williams („Angels“) und eine für Michael Jackson, wo „Thriller“ zu „Schiller“ wird und Edzard „Eddi“ Hüneke moonwalken darf. Tragische Realitäten müssen dennoch nicht völlig ausgeblendet werden, und für ein paar Momente darf auch ein Konzert der Wise Guys ernsthaft werden: Beim zarten Liebeslied zu Beginn des zweiten Teils, und beim Abschiedslied „Wir hatten eine gute Zeit“, das sie Robert Enke widmen. Und wie ihr Humor nie in die Klamaukzone abdriftet, werden Wise Guys hier ernsthaft, aber nicht sentimental. Auch das zeugt von Weisheit.
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